Der Bau einer Yacht: Kreative Herausforderung an einen Elektrotechnikingenieur
Kurt Beyer

Dieser Bericht beschreibt das Leben und die Arbeit eines deutschen Elektrotechnikingenieurs, der sich das Ziel setzte, mit seinem eigenen Schiff um die Welt zu segeln – ohne es sich jedoch leisten können, solch ein Schiff zu kaufen. In den letzten Jahren haben in Deutschland viele Menschen angefangen ihre eigenen, seetüchtigen Boote zu bauen, um den die Kreativiät erstickenden, beengenden Lebens- und Arbeitsbedingungen zu entfliehen. Nur wenige von ihnen haben jemals ihre Schiffe fertig gebaut. Dieser Bericht handelt von den Erfahrungen einer der wenigen, die es schafften. Er wurde – neben seiner Grundausbildung als Elektrotechnikingenieur – auch Kunststoff- und Metallbauer; außerdem ein Design- und Konstruktionsexperte auf dem Gebiet der Holz- und Sandwichbauweise , der seine eigene Ein-Mann Firma ins Leben rief, um die finanziellen Probleme des Schiffbaus auf innovative Art zu lösen. Dies ist seine Geschichte:

Ich bin Elektrotechnikingenieur mit einer zusätzlichen Schweißerausbildung und habe es immer geliebt, mit Dingen zu arbeiten, die real sind: Mit technischer Ausrüstung, Metall und auch mit Holz. Ich segle auch gerne: Ich mag den Wind, das Boot, Leute zu treffen und Länder jenseits der Meere zu sehen.
Als professioneller Ingenieur hatte ich einige sehr gute Jobs, bis ich das Angebot einer Festanstellung an einem Universitätsinstitut bekam, wo ich für die dortigen Audio-Video-Systeme zuständig war. Es erwies sich als der größte Fehler meines Lebens, weil es dort keine Herausforderungen gab. Ich langweilte mich furchtbar. Meiner Bitte um Versetzung wurde nicht stattgegeben, da mich das Institut zu dieser Zeit nicht verlieren wollte. Ich dachte daran zu kündigen, aber die Arbeitslosigkeit war hoch und ich hatte eine junge Familie zu ernähren. Zu dieser Zeit, vor ungefähr zehn Jahren, entwickelte ich die Idee, mein eigenes Boot zu bauen und damit um die Welt zu segeln. Meine Frau und meine Tochter fanden die Idee toll, und so begannen wir mit der Umsetzung.

Zuerst mußte ich lernen, mit Holz zu arbeiten, da wir ein Holzboot wollten: Sie sind leichter und haben eine längere Lebensdauer als beispielsweise Boote aus Aluminium. So machte ich in meiner Freizeit eine Art Lehre bei einem Schreiner. Zusätzlich begann ich, mir alles darüber beizubringen, wie man ein Schiff nach Australien segelt. Ich mußte mir auch eine Menge über bestimmte chemische Prozesse beibringen, da ich Epoxydharz und Glasfaser benutzen wollte um den Rumpf der Yacht zu verstärken. Daher arbeitete ich mit Leuten, die Forschung zum Thema Weben mit Glasfasern betrieben, sowie mit einem Forscherteam, das verschiedene Epoxydarten testete. So wurde mein Schiff eines ihrer wichtigsten Forschungsobjekte.

Dann mußte ich mich für das Design des Schiffes entscheiden. Es mußte sechs Menschen aufnehmen können. Daher wählte ich den längsten Rumpf, den ich bauen konnte: Er mußte genau in meinen Garten passen, der 13 Meter tief und acht Meter breit ist. So wurde das Schiff 12.75 Meter (42 ft) lang, und vier Meter (13ft) breit. Durch Zufall traf ich einen niederländischen Konstrukteur, der gerade dabei war, solch ein Boot zu zeichnen. Allerdings hatte er es als Metallboot und mit zwei Kabinen entworfen. Ich wurde sein Versuchsobjekt für Holz-Sandwich Bauweise: Glasfaser / Epoxyd – Holz - Glasfaser / Epoxyd.

So vorbereitet, machte ich mich an die Arbeit. In meinem Garten baute ich ein Zelt auf, so daß die Nachbarn nicht mißtrauisch werden würden – wir leben in einer typischen Mittelklasse-Wohngegend mit kleinen Häusern, Garagen und Gärten. Ich baute das Boot verkehrt herum. Für den Rumpf benötigte ich 3 600 laufende Meter Zedernholzleisten, für die ich kanadische Bäume wegen ihrer einzigartigen Qualität auswählte. Die Stämme sägte ich in einer Schreinerei und transportierte die Bretter auf dem Dach meines Wagens in meinen Garten. Alle Arbeit an diesen Leisten fand in meinem Keller oder in der Garage statt, um Lärm zu vermeiden. Es dauerte Monate, den Rumpf zu fertigen. Endlich kamen zehn meiner Sportsfreunde vorbei (ich bin auch Judo-Lehrer), und in acht Stunden harter Arbeit drehten wir den Rumpf herum: Er sah einfach schön aus, eine über 12 Meter lange, wunderbar symmetrische Holzstruktur (Abb. 1). Meine Freunde halfen mir viel bei dieser und anderen Arbeiten. Ich zahlte es ihnen zurück, indem ich ihnen und ihren Kindern Judo beibrachte. Ich liebe es, diese Philosophie des Judos zu vermitteln: Es bedeutet, im Leben erfolgreich zu sein, ohne anderen Menschen gegenüber aggressiv zu sein.

Abbildung 1: Der Rumpf der Yacht

Der nächste Schritt war einfache Verbundstoff-Technik: Es ging darum, die Sandwich-Struktur mit Epoxyd/Glasfiberschichten auf der Innen- und Außenseite des Holzrumpfes zu bilden. Es nahm Zeit in Anspruch, mit unterschiedlichen Epoxydarten und Glasfiber-Webarten zu experimentieren, um die optimale Sandwich-Struktur zu finden. Nach Fertigstellung der Sandwich-Struktur war ich mehrere Monate lang nur damit beschäftigt, den Rumpf abzuschmirgeln, um ihm eine absolut glatte Oberfläche zu geben.

Nach dieser schwierigen Arbeit begann ich mit dem Fundament für den Mast. Ich kaufte zwei große Eichenstämme und zersägte sie. Dann verleimte ich sie, um ihnen die Form eines gebogenen Balkens zu geben, der haargenau in das Zentrum des Rumpfes paßte. Dieser gebogene Balken sollte den Mastfuß und die Wanten (Stahlseile) aufnehmen, die den hohen Mast halten würden. Es dauerte Wochen, die richtigen Eichenstämme für diesen Balken zu finden und sie vorzubereiten.

Ein großes Problem bestand darin, den Kiel zu bauen. Zuerst zog ich los und sammelte kleine Bleistückchen ein, die beim Auswuchten von Rädern übrigbleiben. Ohne jede Ausgabe kam ich so an vier Tonnen Blei. Als nächstes baute ich einen Bleischmelzofen aus einer großen Metalltonne und goß den Kiel in mehreren “Portionen”. Für den Kiel zu halten baute ich ein innenliegendes, verstärktes Tragwerk aus geschweißten Stahlstäben. Als letztes mußte ich ihn am Boot anbringen; dazu mußte ich von einem Loch aus arbeiten, das ich unter dem Schiff gegraben hatte. Es war eine einzigartige Erfahrung, unter diesem Rumpf mit vier Tonnen Blei zu hantieren.

Der letzte Abschnitt des Schiffbaus in meinem Garten war wieder einmal sehr langwierig. In ungefähr drei Jahren baute ich eine komplette Wohnung für sechs Personen in den Rumpf hinein: Ein Wohnzimmer, mehrere Kojen, eine Küche, und die für Langstrecken-Segeln benötigte Überlebensausrüstung. Ich verwand große Sorgfalt darauf, schöne Möbel zu schaffen, und entwarf technisch einzigartige und unerwartete Lösungen für Kojen, Herd, Kühlschrank usw. Es war ebenfalls mein Ziel, dem Deck mit seinen Planken, Fugen und Beschlägen ein absolut perfektes Erscheinungsbild zu verleihen.
Diese Phase der Arbeit schloß auch die Montage des Dieselmotors, der Navigationssysteme und der Ausrüstung für Selbstssteuerungsanlage mit ein. Ich mußte eine ganz neue Art des technischen Englischs lernen, um mit den Beschreibungen und Handbüchern für diese “Spielereien” klarzukommen.

Im Sommer 1996, nach sechs Jahren harter Arbeit, war das Boot vollendet. Nur sehr wenige meiner Nachbarn wußten von dem, was unter der großen Zeltplane in meinem Garten versteckt war. Eines Tages kam der größte fahrbare Kran auf Deutschlands Straßen in unseren ruhigen Vorort, hob das Schiff über die Garage auf den Transporter in der Straße, um es in den nächsten Hafen zu bringen: Nieuwpoort in Belgien, ca. 280 km entfernt. Von der Straße bis in meinen Garten mußte der Kran 46 Meter überbrücken. Mit diesem Ausleger kann der Kran eine Maximallast von genau 11 Tonnen heben. Ich hatte mein Schiff auf ein Gewicht von zehn Tonnen ausgerechnet (+ eine Tonne für die Stahlseile um den Rumpf) – es paßte haargenau. (Abb. 2)

Im Hafen setzten wir den 19 Meter (63ft) hohen Mast ein, und seither haben wir mehrere Stürme auf der Nordsee ohne jegliche Probleme überstanden. In allen Häfen die wir besuchen erntet unser Schiff Bewunderung und Anerkennung: Nicht nur wegen seiner besonderen Schönheit und Form (mit seinem großen, breiten Rumpf und dem langen Mast), sondern auch, weil die Leute anfangen, die Bauart zu schätzen, die ich benutzt habe - die Holz/Epoxyd/Glasfaser Sandwich-Struktur mit einem herrlichen Decksalon mit hervorragenden Segeleigenschaften und viel Platz im Bauch des Schiffes.

Der Bau der Yacht kostete mich ca. 390.000 DM, was ungefähr der Hälfte dessen entspricht, was solch ein Boot normalerweise kostet. Ich brauchte alle meine Ersparnisse dafür auf, haushaltete mit jeder Mark und gab zusätzlichen Sportunterricht um diese Summe aufbringen zu können.
Momentan habe ich einen Job, der es mir ermöglicht, im Sommer ca. 4 ½ Monate auf dem Schiff zu sein, um so Reisen anzubieten. Ich arbeite im Schnitt 40 Stunden die Woche, bekomme aber nur 30 Std. bezahlt. So entsteht für mich ein Freizeitdepot, das ich nach Bedarf zum Segeln mit Gästen nutze.

Mein Traum ist es, eine Insel zu schaffen in der Leben und Arbeiten in Einklang sind. Diese neue Sozialstruktur könnte ein Model dafür sein, wie man mit aufgrund der Rezession und Automatisierung sinkenden Arbeitsstunden umgehen kann. In einem größeren Maßstab könnte ein solches Modell sogar dazu beitragen, den durch Arbeitslosigkeit entstehenden Druck zu mindern, da es beispielhaft zeigt, dass wir alle akzeptieren können, weniger Stunden zu arbeiten und weniger Geld zu verdienen, wenn die gewonnene Zeit neu gestaltet und genutzt wird.

Abbildung 2: Die Yacht am Haken